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Integration oder Rauswurf?

Projektdatum: Montag, 11. Juni 2012

Ein Trainer, der im Training immer wieder rechtsradikale Ansichten äußert, oder ein Spieler, der einen anderen als Jude beschimpft, wenn er eine Torchance verpasst – solche Situationen kommen leider immer wieder im Vereinssport vor. Doch wie geht man mit diesen Menschen um? Sollte man sie aus dem Verein schmeißen oder doch eher versuchen, dieses Verhalten abzubiegen und die Personen zu integrieren. Diesen Fragen hat sich der Infoabend „Integrieren oder Rausschmeißen?“ gewidmet. Lokale Vereine hatten dadurch die Möglichkeit ihre Sorgen und Probleme zu teilen und mit anderen Betroffenen über Lösungen zu diskutieren. 

 

Diskussion über Rechtsradikalismus in Sportvereinen

Trotz EM und anderer Veranstaltungen konnte sich die Zahl der Besucher sehen lassen. Unter ihnen waren auch zwei Vertreter der NPD, die der Diskussion ruhig folgten und nur nach Aufforderung eine kurze Stellungnahme abgaben. Die Tatsache, dass man die beiden Männer nicht vorher ausgeschlossen hatte, wurde allerdings von einigen Teilnehmern sehr kritisch bewertet.

Gleich zu Beginn der Veranstaltung hatte Bürgermeister Herbert Unger (SPD) gefordert, im Kampf gegen Rechts nicht aufzugeben. Im Rahmen der städtischen Vereinsberatung habe Florstadt schon zu einem früheren Zeitpunkt die Vereine informiert. Dennoch bleibe die Frage akut, wie man mit der Problematik umgehe. Florstadts Vereinsberater Rolf Lutz, der auch als Moderator fungierte, forderte gleich zu Beginn unmissverständlich: »Wehret den Anfängen, Aufklärung ist von Nöten!«

Fundamentale Aufklärungsarbeit leistet Angelika Ribler von der Sportjugend Hessen, die sich seit Jahren mit rechtsradikalen Tendenzen im Sport auseinandersetzt. Sie zeigte einige praktische Beispiele auf, welche Maßnahmen Vereine ergreifen können, wenn es um die Mitwirkung Rechtsradikaler im Club geht. Ihre Forderung: Nicht sofort rausschmeißen, sondern den Versuch zu unternehmen, für die Problematik zu sensibilisieren. Im Verein müssten interne Lösungen gefunden werden. Wenn allerdings Rechtsradikale im Verein ganz offen für ihre politischen Ziele werben würden, müsse gehandelt werden. Wenn das »Ausschwitzlied« angestimmt werde oder Jugendliche T-Shirts mit den Ziffern 88 oder 18 tragen würden – die Zahlen entsprechen im Alphabet A und H (»Adolf Hitler« oder »Heil Hitler«) – sei die Grenze eindeutig überschritten.

Dr. Reiner Becker von der Universität Marburg, der federführend im Bereich »Mobile Intervention gegen Rechtsextremismus« arbeitet, beleuchtete die gesellschaftspolitischen Aspekte des Problems. Rechtsradikalismus sei kein Problem allein in der Jugend, meinte er. Rechtsextremes Gedankengut sei allgemein verbreitet. So würden nach einer neuen Umfrage 47,1 Prozent der deutschen Bevölkerung Vorurteile gegenüber Fremden äußern. Die »rechte« Jugendkultur habe sich in den letzten Jahren eine neue Basis geschaffen, es habe sich ein neuer Habitus formiert. Springerstiefel, Glatze und Bomberjacke seien tatsächlich »Schnee von gestern«. Der Einstieg in die rechte Szene erfolge mit modernen Lockmitteln: mit Musik, den neuen Medien und dem Bewusstsein, einer Clique angehören zu können. Becker: »Die rechte Szene will weg vom Schläger-Image, hin zur sozialen Anerkennung.«

Diese Feststellung nahm Moderator Lutz gern auf, um die Diskussion einzuleiten. Mit Nachdruck stellte er fest, dass es sich um ein gesellschaftspolitisches Probleme handele; Vereine, Parteien, die Kirche und alle gesellschaftspolitisch relevanten Gruppen müssten daher vereint gegen die Wurzeln des Übels ankämpfen und eine klare Botschaft vermitteln: »Wir kämpfen gemeinsam gegen rechts!«

In der sich anschließenden Diskussion, an der sich auch die SPD-Landtagsabgeordnete Lisa Gnadl beteiligte, wurde deutlich, dass die Vereine selbst keine »Aussteigearbeit« leisten können. Sie könnten aber sehr wohl ihre Meinung klar und deutlich formulieren. Sie sollten sich nicht verstecken. Deutlich wurde auch, dass man klar definieren müsse, wofür man steht. So würden beispielsweise die Jugendpflege in Florstadt, die Bürgerhilfe und der Partnerschaftsverein vorbildliche Integrationsarbeit leisten. »Wenn die Franzosen aus unserer Partnerstadt nach Florstadt kommen, dann sind diese Gäste keine Ausländer, sondern echte Freunde«, nahmen die Besucher aus Bad Homburg, Butzbach, Büdingen, Karben und den Florstädter Stadtteilen als Botschaft mit.

»Vereine werden nicht alleine gelassen«

Im Verein gelte es, möglichst alle in der Gemeinschaft zu integrieren und die Angebote entsprechend auszurichten. Andererseits erfordere dies neue Strukturen, zumal in der jetzigen Gesellschaft »rücksichtslos« ausgegrenzt werde. »Wie wollen die Vereine alle integrieren, wenn dieser Prozess in der Gesellschaft entgegengesetzt verläuft?«, fragte ein Diskussionsteilnehmer.

Angelika Ribler setzt sich dafür ein, den Kampf nicht aufzugeben. Sie betonte, dass die Vereine nicht allein gelassen würden. Grundsätzlich gelte es, keine Angst zu haben, sondern mit Mut die anstehenden Probleme zu lösen.

Gudrun Neher von der Sportjugend Hessen kündigte in diesem Zusammenhang eine Fortbildung in Kooperation mit dem Sportkreis Wetterau zum Thema »Rechtsradikalismus« an. Zum Abschluss fand Lutz ebenfalls deutliche Worte: Alle demokratisch Gesinnten sollten Farben bekennen und die Augen vor drohenden Gefahren nicht verschließen. »Es lohnt sich, für unsere Demokratie zu kämpfen.«

© Wetterauer Zeitung vom 14.06.2012

 

 

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